Wolle über...
...seine ersten Konzerte: An unseren Tourstart in Osnabrück kann ich mich noch genau erinnern! Keiner von uns wußte genau, wo es hingeht und was so alles passieren wird. Das war wie der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser.... Aber nach einigen Sound-Problemen hatten wir ein tolles Gefühl in uns - schlißlich sind wir ja auch nur Menschen. Und so spielten wir uns immer besser ein. Ich war meist schon ganz früh in den Hallen, habe alle möglichen Plätze probiert, um zu sehen, wie Ihr so zur Bühne schaut. Auch war ich immer informiert, wer alles in der Crew war und ob es Probleme gab. Die Bühne oder auch die Musikanlage stand ja jeden Tag ein bißchen anders, und das bringt immer neue Probleme mit sich!
Schnell wurde mir klar, daß das Klima von allen Mitarbeitern bei so einer langen Tour ganz wichtig ist. Denn irgendwelche Unstimmigkeiten strahlt man dann abends - während des Konzertes - aus. Genau das wollte ich vermeiden, und durch die Tour wuchsen wir zu einer richtigen Familie zusammen!
Dann kam der 23. Januar '97 in Essen, und ich liess' es zu, daß zwei Kamerateams und unzählige Fotografen um uns herumsprangen! Abgesehen davon, daß sie ständig vor meinen Monitorboxen standen, und ich nichts hören konnte (Ihr müß wissen, daß es für mich sehr wichtig ist, mich selbst über den Monitor zu hören - deswegen kann ich auch nicht so oft und lange auf dem Laufsteg rumturnen), wurden auch einige Musiker nach hinten gedrängt, weil sie den einen oder anderen Kameramann "störten"! Da wurde mir klar, daß ich da einiges ändern mußte. Wir waren ja nicht bei einer Fernsehshow, sondern bei unserem erwiterten Familienfest. Und das will ich genießen! Nach unserem Auftritt sollte noch eine Überraschung für mich stattfinden - in Form einer Verleihung irgendwelcher Edelmetalle. Es waren auch ganz viele geladene Gäste da, die mich beim Eintreten groß anschauten.
Ich will versuchen zu erklären, was mich da störte: Wenn ich nach meinem Konzert die Bühne verlasse, fühle ich mich nicht als Musiker, Sänger oder Hero, sondern als Mensch mit einem Herzen, das so groß ist wie die ganze Welt. Und genau das ist es, was ich nie missen möchte! Nach zwei bis drei Stunden ist das immer noch nicht abgeklungen, sondern noch sehr intensiv in mir, und damit schlafe ich auch ein. Insofern können für mich keinerlei "After-Show-Partys" stattfinden, sie zerstören mir alles.
...seinen Bühnensturz: Genauso ist es mit Verleihungen!
Je mehr "güldene" Platten man bekommt, desto wichtiger wird man genommen - aber ich fühle mich nicht so wichtig! Wichtiger ist für mich jeder einzelne Mensch, dem ich irgend etwas geben kann, und wenn es noch so klein ist.
Zwei Tage später waren wir dann in Duisburg - und ich fiel von der Bühne und brach mir eine Rippe! Das nach nur 25 Minuten! Ich krabbelte wieder auf die Bühne, hob das Mikrofon auf und sang weiter. Während des weiteren Auftritts verspürte ich ganz leichte Stiche, die ich nicht so wichtig nahm. Erst als ich zu Hause ankam und aus dem Auto steigen wollte, ging nichts mehr. Habe ca. eine Stunde bis ins Bett gebraucht und hatte tierische Schmerzen.
Am nächsten Tag hielt ich´s nicht mehr aus und bin zum Röntgen gegangen. Dort wurde die gebrochene Rippe festgestellt. Könnt Ihr Euch meine Angst vorstellen - ich stand doch erst am Anfang der Tour! Für mich war klar, du läßt keinen Termin ausfallen, solange du noch auf die Bühne geschoben werden kannst! Bei jedem Konzert in den nächsten vier Wochen war immer ein Arzt da, der mir kurz vor dem Auftritt einen Tape-Verband anlegte. Die Autofahrten waren das Schlimmste der Sache.
Unser Veranstalter Reinhard Wöste machte sich natürlich wahnsinnig viele Gedanken und wollte alles noch tausendprozentiger absichern. Auch das sind Dinge, die uns immer mehr miteinander verschmelzen liessen - und nach ein paar Wochen war der Rippenbruch vergessen.
Ich werde oft gefragt, ob ich denn nervös sei vor einem Auftritt. Meine Antwort: Nein, nie! Im Gegenteil, ich habe eine ungeheure Freude in mir, endlich Bühnenboden zu betreten und inmitten von Freunden zu sein. Einfach nur mitmachen zu dürfen! Was kann mir schon passieren, ich bin doch auch nur ein Mensch mit den gleichen Eigenschaften (Fehler und gute Sachen) wie jeder andere auch.
...seine Fans: Viele werden wahrscheinlich bemerkt haben, daß ich bei dem Lied "Nur ein kleines Stück Papier" immer kleine Zettel zugesteckt bekomme. Da stehen dann immer Anekdoten unterschiedlichster Natur drauf. Die meisten Zettel habe ich zu Hause aufbewahrt, ein paar haben sich beim Waschen meiner Jeans aufgelöst. Aber über jeden freue ich mich. Genauso ist es mit meinen Freundschaftsbändern, die über Wochen und Monate für mich eine große Bedeutung bekommen.
Zuerst betrachtet man sie eher beiläufig, doch wenn ich irgendwo ruhig sitze, ertappe ich mich dabei, daß ich auf meinen Arm blicke und sehe, wie jedes einzelne Band Leben bekommt - hinter jedem steckt ein Mensch! Mittlerweile kann ich nicht mehr alle tragen (zu viele!). Ich habe gerade die dritte Schublade angefangen. Aber jedes Freundschaftsband kommt irgendwann dran!
Ein witerer Punkt sind die Autogrammkarten.
Als mir vor der Tour Reinhard Wöste von einem Programmheft erzählte, konnte ich mir gar nicht vorstellen, was darin stehen sollte - und es wurde einfach gemacht. Mir wurde gesagt, man brauche 30.000 Autogrammkarten, die in die Hefte gelegt würden. Da ich mein Leben lang meine Autogramme selbst geschrieben habe, wollte ich diese beigelegten auch alle schreiben!
Ich fing also an, und als es abends dunkel wurde, merkte ich, daß ich erst bei ca. 2.700 Stück angelangt war, mir der Arm furchtbar weh tat und ich am nächsten Tag zu den Proben fahren mußte. Da wurde mir klar: Das schaff' ich nicht!
Also wurden die Karten mit meiner Unterschrift gedruckt. Die meisten von Euch haben das verstanden, aber mich ärgerte es im Lauf der Tour immer wieder, wenn irgendeiner mit einer gedruckten Autogrammkarte zu mir kam.
Also schrieb ich vor jedem Auftritt für den jeweiligen Tag zwei bis drei Stunden lang Autogrammkarten - so konnten zumindest einige von Euch an ein Original-Autogramm kommen.
Seit 21 Jahren gibt es bei mir gleich nach dem Auftritt (d.h. nach einer kurzen Waschzeit) Autogramme, aber es wird mittlerweile immer schwieriger bei so vielen Menschen.
Und so bitte ich um Euer Verständnis, wenn nicht jeder bei jedem Auftritt an ein Autogramm rankommt.
Ich bin mir aber sicher, jedem irgendwann in die Augen gesehen zu haben. Außerdem sind mir die Gespräche am Bühnenrand sehr wichtig (Ihr seid alle meine Lieder), denn so erfahre ich immer wieder Eure Sorgen und Sehnsüchte.
...Fanclubs: Wie viele von Euch wissen, gibt es keinen WOLFGANG PETRY-Fanclub! Aber es gibt viele Leute, die sich bei unseren Auftritten kennengelernt haben und jetzt viele Dinge gemeinsam tun. Also haben wir nur einen großen Fanclub, der sich ständig bei den Auftritten trifft. Ich empfinde das als den besten Fanclub!
Auch hat mir sehr gefallen, daß Ihr Euch ständig neue Sachen einfallen laßt - Sprüche auf Transparenten und Fahnen oder auf Peppkartons usw. Es gibt soger einige "Weiber-Vereinigungen" mit lustigen T-Shirt-Sprüchen!
Was mich auch sehr gefreut hat: Selbst in einigen Gegenden, wo wir überhaupt nicht damit gerechnet haben, daß überhaupt jemand kommt, seid Ihr doch erschienen und habt mir das GEfühl gegeben, in einer Fan-Hochburg von mir zu sein. Dafür danke ich Euch allen, denn es zeigt mir, daß wir Menschen uns doch alle sehr ähnlich sind.
...seine Open-air-Konzerte: Dann kam irgendwann das Abschlußkonzert in Dortmund
Es war ein schönes und zugleich trauriges Erlebnis! Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, am nächsten Wochenende nicht auf einer Bühne zu stehen - schließlich durfte ich seit 21 Jahren jede Woche irgendwo singen.
Aber zum Glück hatten wir chon während der "ALLES"-TOUR '97 einige Termine für Open-air-Konzerte ausgemacht. So wurde die Wartezeit bis zum nächsten Konzert nicht allzu lang.
Die Open-air-Konzerte waren wieder eine ganz neue Erfahrung für mich. Es mußte mit ständigen Wetterumschwüngen gerechnet werden, was mir sehr große Sorgen machte. Im großen und ganzen hatten wir aber bis auf zwei Konzerte (Görlitz und Freiberg) sehr viel Glück. Bei den beiden Regenauftritten stand ich da und bewunderte Euch für Eure Ausdauer, die Ihr trotz aller Unannehmlichkeiten bewiesen habt. Als es endlich losging, schmissen alle ihre Regenschirme weg, und wir feierten, als wäre der schönste Sonnenschein. Das hat mich nachhaltig beeindruckt!
Schlußwort:
Im Gruga-Park Essen war der Einlaß schon sechs Stunden vorher - selten habe ich mich so geschämt, Menschen so lange warten zu lassen, nur weil einige Leute ein längeres Geschäft machen wollen.
Dafür entschuldige ich mich bei Euch - es wird "nie" wieder vorkommen!
Dann kam Bad Segeberg, das letzte Open air, und ich hatte nachher wieder so ein leeres Gefühl, als ob mein Leben beendet wäre - Kopf hoch, Wolfgang...
Ach, da fällt mir noch ein, da ich ja ein starker Raucher bin, mußte ich mir irgendwas einfallen lassen, um während des über zwei Stunden langen Auftrittes zu der einen oder anderen Zigarettenpause zu kommen. Da kam mir die Idee, bei verschiedenen Lidern die Soli zu verlängern, damit ich heimlich ein paar Züge nehmen kann...